Sehr geehrte Gäste, Damen und Herren,
liebe Freunde
seit mehreren Jahren komme ich zu dieser Veranstaltung und sehe Bekannte, Freunde und immer wieder auch neue Gesichter. Ich weiß ganz genau, dass ich Ihnen die Geschichte des 9. November 1938 nicht erzählen muss. Sie alle wissen, was damals passierte. Deswegen möchte ich mich auf andere Sachen konzentrieren, mit Ihnen meine Gedanken teilen.
Mehr als 85 Jahre weint schon die Seele des jüdisches Volkes in Deutschland und in der Welt um die Synagogen, die in der Kristallnacht zerstört worden. Jedes Jahr wundere ich mich mit Blick auf diesen Jahrestag, wie ein so romantisches, poetisches Bild wie „Kristallnacht“ zur Beschreibung eines solchen Verbrechens benutzt wurde. Wie kann der Mensch ein solch herrliches Bild so perfide verzerren?
Wenn wir an die 30er- und 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts denken, dann merken wir, die Vernichtung der Juden in Europa mutet an, wie die Geschichten in der Tora. Wir haben eigentlich eine biblische Katastrophe überlebt. Was hat die Welt daraus gelernt? Es ging nicht nur um die physische Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Behinderten. Es ging auch um die moralische Vernichtung der Menschheit.
Ich bin mit einer Überzeugung aufgewachsen: Die Zerstörung des Lebens von Millionen Menschen, das Wissen über die Schicksale haben dazu geführt, dass so etwas nie wieder passieren kann.
Worüber lesen wir heute in den Nachrichten? Über ein Restaurant zum Beispiel, in dem keine Juden bedient werden; von einem Lebensmittelladen, den Juden nicht betreten sollen; über ein Flugzeug, aus dem jüdische Jugendliche geworfen werden oder über Bühnen, die jüdischen Musikern verwehrt bleiben… Ich frage mich: In welchem Jahrhundert lebe ich?
Wie reagiert die Gesellschaft auf solche Taten? Wie muss sie auf solche Taten reagieren? Macht sich die große Mehrheit überhaupt Gedanken darüber?
Ich bin keine Historikerin, aber manchmal lese ich gern in Archiv-Materialien. Erlauben Sie mir, zwei Zitate vorlesen.
Nürnbergers Prozess November 1945
Am Abend, nachdem im Gerichtssaal der Dokumentarfilm über die Konzentrationslager gezeigt worden ist, geht der Gerichtspsychologe Gustave Gilbert von Zelle zu Zelle.
„Der Erste war Fritzsche.“ - der ehemalige Chef des Großdeutschen Rundfunks.
(der gesagt hat:)
„ … Lassen Sie sich von niemand erzählen, dass sie nichts gewusst hätten! Jeder ahnte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war mit diesem System, auch, wenn wir nicht alle Einzelheiten wussten. Sie wollten es nicht wissen! Es war zu bequem, sich von diesem System ernähren zu lassen, unsere Familien in fürstlicher Weise zu unterhalten und zu glauben, es sei alles in Ordnung!...“
Und was macht man in Deutschland heute? Viel zu oft wird ganz allgemein über Antisemitismus geredet, den natürlich kaum einer gut findet. Aber man bemüht sich auch, auf eine - wie ich finde - falsche Art korrekt zu bleiben.
Viel zu oft werden antisemitische Sprüche nicht als solche gebrandmarkt, sondern als freie Meinungsäußerung verharmlost. Als Ergebnis werden antisemitische Parolen zwar vielleicht gerade noch missbilligt, aber gleichzeitig nicht bestraft und verboten.
Meine Frage ist: Wie wollen wir gegen Antisemitismus kämpfen?
Wir hören, lesen und sprechen jeden Tag sehr emotional darüber und finden trotzdem keine Lösung, wie man den Hass zurückdrängen kann. Denn Antisemitismus folgt wie jede Art von Menschenhass keiner Logik und keinen Regeln. Zwei ganz konkrete Beispiele, die mich zuletzt besonders getroffen haben: Die Parole „From the River to the Sea“, die Israels Existenzrecht infrage stellt und der Spruch „Aus euren Haaren haben wir Teppiche gemacht“, der die Ermordung von Juden propagiert. Die größte Gefahr ist: Der Weg von der freien Äußerung solcher antisemitischer Sprüche zur körperlichen Gewalt ist unglaublich kurz.
Und an dieser Stelle lese ich noch ein, für mich persönlich absolut gruseliges Zitat, vor:
Für Göring ist die Geschichte deutschen Größenwahns mit dem Nürnberger Prozess und den zu erwartenden Todesurteilen nicht zu Ende. Er hegt Hoffnungen für eine fernere Zukunft.
„Wer weiß, wie alles in 50 bis 100 Jahren aussieht.“
Ein solches Ende möchte ich für meine Rede nicht haben.
Denn es gibt auch positive Zeichen. Ich meine die Vertreter der jüngeren Generation. Diesen Stimmen müssen wir ganz aufmerksam zuhören. Ich als Lehrerin mit 40-jähriger Arbeitserfahrung kann bestätigen: Unsere Kinder sind ehrlicher, als wir, sie haben offene Seelen, warme Herzen und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Es ist unsere Pflicht, an sie ein würdiges Erbe, ein würdiges Land zu übergeben. Wie wir das machen – darüber werden wir noch mehrmals offen und verantwortungsvoll reden müssen.